EN 9X in der Überabeitung
- Jul 17
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In Kürze kommt die neue ISO 9001:2026, auch die Überarbeitung der EN 9100, EN 9110 und EN 9120 ist im Gange. Die Überarbeitung ist derzeit eines der wichtigsten Themen im Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungssektor. Dabei laufen nach aktuellen Informationen eigentlich zwei Änderungswellen parallel, eine begrenzte ("limited scope") Revision ab 2026 und eine vollständige Revision nach Erscheinen der neuen ISO 9001 (spätestens 2027).
Warum ist die neue Version der EN 9100 besonders wichtig?

Die bisherige EN 9100:2018 basiert inhaltlich weitgehend auf dem Stand des Jahres 2016 und ist relativ alt. An sich muss eine Norm alle 5 Jahre auf Aktualität geprüft werden.
Seitdem hat sich viel getan, denn technologisch sind 10 Jahre heute eine lange Zeit.
Und auch die Möglichkeiten von Managementsystemen haben sich verbessert, die Tool-Landschaft ist kaum noch überschaubar und reicht von klassischen GRC-Lösungen über reine QM- oder ISMS-Lösungen bis zu integrierten Systemen. Plattformen wie Confluence haben sich etabliert und auch die verbreitete Lösung mit hunderten PDF, Word- oder Excel-Dokumenten auf MS-SharePoint ist noch immer anzutreffen.
Weiter hat sich in den letzten zehn Jahren die Branche stark verändert:
Globale Lieferketten sind deutlich komplexer geworden.
Cyberangriffe auf Industrieunternehmen haben zugenommen.
Die Anforderungen an Produktsicherheit und Rückverfolgbarkeit sind gestiegen.
Verteidigungsprogramme fordern mehr Resilienz und Versorgungssicherheit.
Digitalisierung und datengetriebene Prozesse spielen eine immer größere Rolle. [qmii.com], [qualitymag.com], [linkedin.com]
Und im Verteidigungsbereich kommt hinzu, dass NATO-Staaten und die Lieferanten aus geopolitischen Gründen heute anders denken müssen, als noch vor 10 Jahren. Viele Auftraggeber sehen deshalb Anpassungsbedarf insbesondere bei Lieferkettensteuerung, Informationssicherheit und digitalen Prozessen.
Was wird sich voraussichtlich ändern?
Nach den bisher veröffentlichten Informationen der IAQG stehen insbesondere folgende Themen im Fokus:
Änderung der Bezeichnungen, künftig werden sie voraussichtlich als IA9100, IA9110 und IA9120 heißen.
Stärkere Anforderungen an das Lieferantenmanagement und stärkere Überwachung der Lieferkette über mehrere Stufen.
Erhöhte Anforderungen an die Lieferkettenresilienz und das Risikomanagement.
Größere Bedeutung von Qualitätskultur, Führung und ethischem Verhalten.
Mehr Fokus auf Produktsicherheit, Fälschungsschutz (Counterfeit Prevention) und Rückverfolgbarkeit.
Bessere Absicherung elektronischer und digitaler Informationen.
Verstärkte Berücksichtigung von APQP-, Änderungs- und Reifegradprozessen.
Für die zunächst geplante begrenzte Revision wird berichtet, dass sich die Änderungen hauptsächlich auf das Supplier Control Management konzentrieren und keine vollständige Neuorganisation der Norm darstellen. Mit Blick auf APQP fällt dann auch die Umsetzung der AQAP 2105 leichter, da man den Produktqualitätsplan auf die APQP-Vorarbeiten beziehen kann.
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz bei der Revision?
Das ist derzeit eines der spannendsten Themen. Nach aktuellem Kenntnisstand enthält der bisher bekannte Entwurf keine eigenständigen KI-Kapitel vergleichbar mit der ISO/IEC 42001 für KI-Managementsysteme. Allerdings beeinflusst KI mehrere Themen, die in den Revisionen diskutiert werden und die Vertrauenswürdigkeit von Daten betrifft.
Denn immer mehr Unternehmen nutzen KI für Qualitätsauswertungen, Predictive Maintenance, Fehleranalysen, Lieferantenbewertungen und Dokumentenerstellung.
Die KI-Systeme erzeugen neue Risiken wg. falscher Ergebnisse (Halluzinationen), fehlender Nachvollziehbarkeit und möglicher Manipulation von Trainingsdaten. Indirekt wird die KI daher sicher eine Rolle spielen bei den bestehenden Forderungen nach Verifizierung, Validierung und Risikomanagement. Unternehmen werden daher nachweisen müssen, wie sie diese Risiken beherrschen.
Förderung der Informationssicherheit
Besonders bemerkenswert ist die geplante bessere Absicherung elektronischer und digitaler Informationen. So halten ggf. auch die etablierten Anforderungen an die Informationssicherheit aus dem Bereich Automotive (VDA ISA 6 bzw. TISAX© 2027) oder die allgemeinen ISO 27001- Anforderungen Einzug, ggf. kann auch die Regulatorik mit NIS2, CRA helfen. Dadurch entsteht eine enge Verbindung zwischen Qualitätsmanagement, Cybersecurity und KI-Nutzung. Wie groß dieser neue Anteil wird, bleibt abzuwarten.
Zusammenhang zur Revision der ISO 9001
Die Luftfahrtnormen basieren auf der ISO 9001 und ergänzen diese um branchenspezifische Anforderungen. Da die Veröffentlichung der ISO 9001:2026 erwartet wird, wird anschließend auch die 9100er-Reihe umfassend angepasst, damit die Struktur konsistent bleibt.
Zu den diskutierten Schwerpunkten der neuen ISO 9001 gehören:
Qualitätskultur
Chancen- und Risikomanagement
Wissensmanagement
Nachhaltigkeits- und Kontextbetrachtungen
Resilienz von Organisationen und Lieferketten
Bedeutung für die AQAP-Reihe
Für die NATO-AQAP-Normen ist die Entwicklung besonders relevant:
AQAP 2110 basiert auf der ISO 9001 und ergänzt diese um NATO-spezifische Anforderungen.
AQAP 2310 basiert ausdrücklich auf der EN 9100 und ergänzt diese ebenfalls um NATO-Zusatzforderungen.
Daraus ergibt sich ein kaskadierter Überarbeitungsbedarf:
AQAP 2110
Wenn die ISO 9001 überarbeitet wird, ist mittelfristig auch eine Anpassung der AQAP 2110 zu erwarten, damit die normative Basis aktuell bleibt.
AQAP 2310
Für die Verteidigungs- und Luftfahrtindustrie ist AQAP 2310 noch wichtiger. Da diese Veröffentlichung auf EN 9100 aufsetzt, werden Änderungen bei Lieferantensteuerung, Produktsicherheit, Risikomanagement oder Konfigurationsmanagement mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Auswirkungen auf zukünftige AQAP-Versionen haben. Allerdings sind diese Felder ohnehin auch Schwerpunkte von AQAP.
Wenn sich also mehr aus der verbesserten Basis herleiten lässt, ist die Anpassung wegen AQAP ggf. nicht mehr so gravierend. Man wird sehen, was an Zusatzaufwand auf die Organisation zukommt.
Praktische Einschätzung
Aufgrund der Zeitschiene und der Übergangsfristen besteht kein unmittelbarer Handlungsdruck, aber die Änderung kommt. Und die Umsetzung wird Aufwand verursachen, den ich vielleicht jetzt schon angehen kann, wenn Kapazitäten frei sind.
Für Unternehmen mit EN 9100- und AQAP 2310-Zertifizierung ist daher schon jetzt zu empfehlen:
Lieferantenüberwachung kritisch überprüfen und ggf. ausbauen.
Risikomanagement der Supply Chain ausbauen.
Nachweise zur Produktsicherheit und Rückverfolgbarkeit stärken.
Digitale Informationen und Dokumentationssysteme absichern.
Personelle Ausstattung und Aufbau von Skills nachhalten.
Die Veröffentlichungen der IAQG und NATO-Standardisierungsstellen eng verfolgen.
Fazit
Die größten Auswirkungen werden nach heutigem Kenntnisstand nicht bei den klassischen QM-Prozessen liegen, sondern bei Lieferkettensteuerung, Resilienz, Produktsicherheit und Governance – genau den Themen, die sowohl für die Luftfahrt als auch für militärische Beschaffungsprogramme zunehmend kritisch sind.
Und alle diese Themen finden auch Eingang in das Managementsystem, sie können somit gut gesteuert werden.
Rechtlicher Hinweis: TISAX© ist eingetragenes Warenzeichen der ENX Association.


